Wohnstile gibt es viele, der Japan-Look mit dem Namen Wabi Sabi könnte sich einfach einreihen. Doch das passt nicht so ganz, denn er ist grundsätzlich anders: eher eine Lebensphilosophie, eine Einstellung zu den Dingen unserer Welt. Und diese entlastet ungemein.

Wabi Sabi kann auf verschiedene Arten entstehen: eine scheinbar unfertige Wand, ein grober Teppich, Erdtöne, eine Pilz-Lampe – und nur das, was zählt. Hier: eine Raumgestaltung von A. C. Création; Foto + Tapete A. S. Création, as-creation.com
In einer Welt, die nach digitaler Perfektion strebt, wirkt das japanische Ästhetikkonzept Wabi-Sabi wie eine Einladung zum Aufatmen. Es ist keine bloße Einrichtungsregel, sondern eine Lebensphilosophie, die ihren Ursprung im Zen-Buddhismus des 16. Jahrhunderts hat. Im Kern geht es darum, die Schönheit im Unvollkommenen, Vergänglichen und Schlichten zu finden. Wabi-Sabi ist die Kunst, das Wesentliche zu erkennen. Wer sich darauf einlässt, gestaltet nicht nur seine Räume, sondern oft auch seine innere Einstellung: weg vom Vergleichen, hin zum bewussten Augenblick und zu sich selbst.
Der Begriff hat also nichts mit dem grünen, scharfen Wasabi zu tun, das viele durch Sushi kennen. Es setzt sich vielmehr aus zwei Aspekten zusammen: Wabi beschreibt die Freude an der Einfachheit, das Einssein mit der Natur und den Wert des Wenigen. Sabi bezieht sich auf die Schönheit des Alters, die Patina und die Spuren, die das Leben auf den Dingen hinterlässt.
Zusammen ergeben sie eine Sichtweise, die Bescheidenheit feiert und akzeptiert, dass nichts perfekt, nichts abgeschlossen und nichts ewig ist. In der Raumgestaltung bedeutet das: Wir hören auf, gegen die Zeit zu kämpfen, und beginnen, sie zu zelebrieren.
Die Philosophie findet ihren Ausdruck in einer bewussten Material- und Farbwahl. Es geht nicht darum, „alt“ auszusehen, sondern „echt“. Dafür brauchen wir Folgendes:
Statt makelloser Hochglanzoberflächen dominieren Materialien, die eine Geschichte erzählen. Eine grob verputzte Wand, ein grob gewebter Stoff, eine Tischplatte aus Altholz mit Rissen oder eine handgetöpferte Schale, deren Glasur nicht ganz gleichmäßig ist. Diese „Fehler“ sind bei Wabi-Sabi keine Makel, sondern die Seele des Objekts.
Wabi-Sabi verzichtet auf laute, künstliche Farben. Die Basis bilden gedeckte Erd- und Grüntöne, gebrochenes Weiß und alle Nuancen von Stein und Holz. Diese Farben wirken beruhigend auf das Nervensystem und lenken den Fokus auf die Formen und Texturen der Möbel.
Wabi-Sabi ist eng mit dem Minimalismus verwandt, aber weniger streng. Es geht darum, sich nur mit Dingen zu umgeben, die man wirklich liebt oder braucht. Ein einzelner, gut gewählter Zweig in einer Vase wirkt oft stärker als ein üppiges Arrangement. Der Raum darf atmen – Leere wird hier als Luxus begriffen.
Ein schönes Beispiel für Wabi-Sabi ist die Kunst des Kintsugi, bei der zerbrochene Keramik mit Goldlack geklebt wird. Die Narbe wird nicht versteckt, sondern hervorgehoben. In der Wohnung bedeutet das: Ein geliebtes Erbstück darf repariert sein. Es zeigt, dass wir Dinge wertschätzen und nicht sofort durch Neues ersetzen.
Ein Umgang mit der Raumgestaltung und den Dingen unseres Lebens nach Wabi-Sabi nimmt den Druck heraus. Ein Kratzer im Parkett oder eine verblasste Leinen-Tagesdecke sind kein Grund zur Sorge, sondern Teil der gemeinsamen Geschichte mit dem Zuhause. Das schafft eine Atmosphäre der Gelassenheit und Authentizität. Und natürlich müssen wir auch nicht gleich alles komplett auf Wabi-Sabi umstellen. Es reicht schon, sich in die Richtung zu bewegen – wer es bunt mag, bleibt bunt, wer es kuscheliger und dekorierter mag, wird natürlich nicht spartanisch. Aber wenn wir bewusster mit all unseren Dingen umgehen, sie mit mehr Bedacht auswählen und sie mehr schätzen, wäre das schon mal ein guter Anfang.
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